Bergauf, Bergab

Von Kappadokien ins ewige nichts

Nachdem wir Kappadokien verlassen und uns mit so vielen Eindrücken auf den Weg machen, falle ich erstmal in irgendeine Art von Loch. Vermutlich, weil immer wieder die Frage auftaucht: „auf den Weg wohin?“ Nach Istanbul und Kappadokien sind für mich die zwei ersten richtig großen Highlights abgehackt. Und jetzt? Natürlich, der Weg ist klar – wir fahren zunächst in Richtung Erzurum, aber nicht weil uns die Stadt interessiert, sondern weil wir dort für Visaangelegenheiten vorbeischauen müssen. Was ist der Antrieb? Wo ist die Motivation weiterzufahren? Iran war in meiner Vorstellung schon seit Beginn der Reise einer der interessantesten Länder und auch auf die Städte freue ich mich unheimlich. Doch bis nach Teheran sind es noch bestimmt mehr als 2000 Kilometer. Vor uns liegen ab jetzt unheimliche Distanzen. Auf dem ersten Teil unserer Reise mit Daniel zusammen, sind wir 2500 Kilometer gefahren und es vergingen kaum eine Woche ohne eine Hauptstadt. Doch jetzt habe ich absolut keine Vorstellung was uns bevor steht – eigentlich eine schöne Vorstellung, wenn ich so drüber nachdenke. Doch trotzdem habe ich immer wieder mit der Strecke zu kämpfen.

Das Loch hat zunächst einmal ein Boden, als wir in Kayseri ankommen und durch Zufall bei einer super coolen Studenten WG unterkommen. Die Gastfreundschaft ist immer wieder aufs neue überwältigend. Doch auch Kayseri müssen wir hinter uns lassen…

Und meine Laune wird nicht wirklich besser. Nach Kayseri ist diese Notiz unterwegs entstanden:

Der Asphalt vor uns flimmert, eine sengende Hitze knallt auf uns herab, der immer wieder kehrende Geruch von toten Tieren, die am Straßenrand verwesen, strömt durch unsere Nasen und seit zwei Tagen bläst der Wind mit voller Kraft frontal in unsere Gesichter. Die Tage des Rückenwinds scheinen gezählt, doch es ist keine erfrischende Brise, sondern ein staubtrockener, sandiger und träger Wind. Auch Abfahrten machen kaum mehr so viel Spaß wie sie es einst taten, denn wir wissen genau, dass es keine hundert Meter weiter wieder steil bergauf geht. Damit ist nichts gewonnen und bei jedem Meter den es bergab geht fängt mein Inneres ich an zu nörgeln. Es ist schlichtweg anstrengend, strapazierend und ermüdend. So macht das ganze keinen Spaß! Immer wieder halten wir uns an vorbei tuckernden Traktoren fest, die scheinbar genau so mit der immer wieder kehrenden Steigung zu kämpfen haben und uns mit Full Speed gerade so überholen können. Wir nennen es Traktor- oder Lastersurfing (ursprünglich von mir in Bulgarien eingeführt, als ich zu erschöpft war, um dem immer-durch-powernden Daniel hinter her durch das Rilagebirge zu hetzten. Die erste Fahrt endete mit einem Sturz in den Dreck, doch seit dem wir uns das Treckersurfing in der Türkei immer öfter zu nutzen machen, perfektionieren wir unsere Taktik). Doch auch das ist nicht sehr lange durchzuhalten, denn während man sich mit der einen Hand festhält, muss bei ca. 20-30 km/h auch noch einhändig das 60 Kilo Fahrrad ausbalanciert werden.

Fahren im Osten der Türkei ist ein kräftezehrender Akt dem es auch noch an Motivation mangelt, sobald man zur Mittagspause einmal wagt zu gucken, wieviel man schon geschafft hat und es tatsächlich noch weniger ist, als man im schlimmsten Fall befürchtet hätte. Und nichtmal die Landschaft kann daran etwas ändern. Seit Ewigkeiten immer das selbe: minimal begrünte kleine Hügelchen, verdorrtes Gestrüpp am Straßenrand und Staub und Sand, der von den vorbei rasenden Autos aufgewirbelt wird. Im großen und ganzen eine monotone, karge Umgebung, die auf mich keinen willkommen-heißenden Eindruck macht. Außerdem macht es unzufrieden, immer der einen großen Straße mit den Lastern zu folgen. Ich will abbiegen, raus auf Feldwege und durch kleine Dörfer fahren, weg von den Dieselabgasen. Doch sobald man dann mal zwei Stunden etwas off-road gefahren ist, stelle ich schnell fest, dass das auch nicht das Wahre ist. Man kommt auf Grund der Wegebeschaffenheit kaum voran und wir haben mit deutlich stärkerer Steigung zu kämpfen. So machen wir niemals auch nur annähernd 80 Kilometer am Tag. Irgendeinen Mittelweg bräuchte man…

Doch auch wenn sich das wirklich kacke anhört (da musste wohl mal ein bisschen Frust raus) und man vermuten möchte, dass wir das Fahrradfahren als „Scheise“ abgestempelt haben, ist keine zwei Tage später diese Notiz in meinem Handy entstanden (wir sind die letzten Kilometer nach Erzurum mit dem Zug gefahren).

Heute früh ist es fast schon kalt, so fern man das über die Türkei sagen kann. Aber bei weitem nicht kalt genug, um sich die Mühe zu machen aus einer der hinteren Taschen einen dünnen Pulli zu holen. Erfrischend trifft es wohl am ehesten. Gemischt mit einem leichten Fahrtwind, denn seit einiger Zeit fahren wir bergab. Links und recht imposante Berge geschmückt in den schillernsten Farben. Denn die engen Schluchten, durch die sich die Straße schlängelt, sind nur so vollgestopft von den buntesten Wildblumen. Dementsprechend laut ist das Gesumme, Gebrumme, Gezwitscher und Gezirpe. Nach der kargen und elendig staubigen Landschaft südwestlich von Erzurum scheint man hier das Leben in der Natur wieder richtig spüren zu können.

Die Kilometer verschwinden einer nach dem anderen unter unseren massiven fahrradreifen, denn wegen starkem Rückenwind, der uns unter die Arme greift und uns glauben lässt wir würden gerade zu mühelos über den Asphalt schweben, bleibt es trotz kontinuierlichen 30-40 km/h bei nur einem leichten Gegenwind. Und auch wenn das Tempo dann mal wieder abnimmt und wir 700 Höhenmeter überwinden müssen, vergeht mir heute in keiner Sekunde die Lust am weiterfahren, denn die Aussicht, die Umgebung und das Wissen darum, dass es gleich nur umso steiler auch wieder bergab geht, lassen die Motivation in mir nur weiter ansteigen. So könnte doch jeder Tag unterwegs auf der Straßen aussehen.

Ein immer währendes bergauf und bergab. Und so gut diese Beschreibung vor allem auf unsere Route durch die Türkei zutrifft, kann es aber auch sehr gut auf unsere Gemütslage bezogen werden, die stetig steigt und dann auch mal wieder ein Tief hinnehmen muss.