Abschied am Meer

Nachdem die letzen paar Tage im Rila-Gebirge vor allem von Regen und gelegentlichen Gewitterausbrüchen geprägt waren, wollten wir endlich mal wieder Sonne sehen (so formuliert könnte man wohl auf drei käsebleiche Jungs schließen – tatsächlich hatten wir aber sogar alle noch die letzen Anzeichen eines Sonnenbrandes). Und so rollten wir mit großen Erwartungen über die bulgarisch-griechische Grenze – bei noch immer strömendem Regen. Doch sogleich ließen wir den letzten nennenswerten Anstieg (aber was für einen!) auf unserer Strecke bis zum Meer hinter uns und schossen den Berg hinab. Die mühseligen letzen Tage sind sofort vergessen, denn diese Abfahrt macht alles wieder wett. 800 Höhenmeter auf fast 20 Kilometer gestreckt – zwischen steilen Felswänden und grünen Hängen schlängelt sich der Weg hinunter und unten angekommen ist alles plötzlich ganz anders: statt der kalten Bergluft bläst uns jetzt eine warme, mediterrane Brise entgegen; aus imposanten Bergen wird mit einem Schlag eine schier endlose gerade Ebene. Und es riecht ganz typisch nach Mittelmeer, nach Urlaub. Der Süden durchströmt mich! Wir sind in Griechenland. Cool. Kleine Ortschaften mit weißen Häusern und hellblauen Vorgartenzäunen, dazu ein paar Olivenbäume. So habe ich mir Griechenland vorgestellt und tatsächlich entspricht das in weiten Teilen auch dem, was uns hier erwartet. Und nirgendwo kann man mit seinem Fahrrad länger als fünf Minuten stehen, ohne irgendetwas angeboten zu bekommen: Hier bekommen wir Äpfel und Bananen geschenkt, an einem besonders heißen Tag bekommen wir ohne zu fragen (und ohne es wirklich zu brauchen) gekühltes Wasser und ein weiteres mal werden wir von einem sehr lustigen, alten Opa über Nacht eingeladen. Er spricht recht gut deutsch und findet meinen Namen scheiße.

Endlich Meer

Fast 2.500km haben wir jetzt hinter uns und zumindest die letzten 500 davon haben wir alle das Meer im Hinterkopf. Je näher wir der Küste kommen – wir steuern auf Kavala zu – desto größer wird die Vorfreude. Doch der letzte, vermeintlich entspannte Abschnitt entpuppt sich als wahrer Kraftakt. So, als würde irgend jemand wollen, das wir uns das Meer auf den letzen Metern nochmal so richtig verdienen (, als hätten wir es uns bis hier her leicht gemacht). Wirklich starker Gegenwind, der zwar dem vorausfahrendem Daniel nichts auszumachen scheint, dafür aber Vincent und mich trotz Windschatten-Fahren ganz schön aus der Reserve lockt und ein letzter Hügel, den wir so nicht auf dem Schirm hatten und dementsprechend wenig Bock auf den Anstieg hatten. Doch oben angekommen konnten wir es sehen, direkt vor uns: Das Meer!

Unsere Bucht

In ein paar Tagen wird Daniel uns verlassen. Doch nicht ohne das Meer noch ausreichen auszukosten. Wir finden eine wunderschöne und einsame Bucht, in der wir für  die nächsten drei Tage unsere Zelte (und die eine Hängematte) aufschlagen werden. So schön dieses Fleckchen Erde auch ist, gibt es an unserer perfekten einsamen Bucht einen Nachteil: Nicht ohne Grund liegt sie so verlassen dar. Sie ist nämlich so gut wie nicht zu erreichen – mit einem kurzen Mittagsausflug nach Kavala wird es dann wohl nichts. Das ist aber gar nicht schlecht, denn zum ersten mal seit Berlin kommen wir mal wirklich zur Ruhe…

Dann heißt es jetzt wohl Abschied

Drei kleine Fahrradfahrer aßen jeden morgen Brei

Dem einen hings zum Hals heraus, da waren´s nur noch zwei

Drei kleine Fahrradfahrer kamen in ne Schlägerei

Den Daniel hat es ausgenoggt, da waren´s nur noch zwei

Drei kleine Fahrradfahrer dachten sie wärn´ frei

Doch der eine hat ne Freundin, tja da waren´s nur noch zwei

(bisschen gemein und da ich auch eine Freundin habe nicht super zutreffend; hat es trotzdem in unsere Auswahl geschafft lol)

Nicht all zu lange können wir die Auszeit genießen, denn schon bald heißt es für Daniel Abschied nehmen und für die beiden übrig gebliebenen auf nach Istanbul um meine Freundin vom Flughafen abzuholen. Der Zeitdruck-Alltag holt uns wieder ein wenig ein.

Ära Post Daniel

Keine halbe Stunde, nachdem wir Daniel am Busbahnhof verabschiedet haben, reißt mir die Fahrradkette – und ratet, wer gerade im Bus nach Thessaloniki sitzt und das dafür notwendige Tool gut verstaut in seinen Taschen hat. Leichte Panik überkommt mich, denn das Internet hilft nicht weiter: Auch später bemerken wir noch, dass kaum ein Laden in GoogleMaps eingetragen ist, und dementsprechend auch Kavala laut Google ohne Fahrradladen auskommt. Das stimmt zum Glück nicht, und mit etwas Verzögerung setzen wir unseren Weg dann auch zu zwei fort. Immer am Meer entlang fahren wir in Richtung Türkei und obwohl oder vielleicht gerade weil der Weg ausgesprochen schön ist, erscheint alles östlich von Kavala etwas gespenstig und bedrückend, denn obwohl alles so idyllisch aussieht, ist die Gegend wie ausgestorben. Viele angefangene aber nie zu ende gebrachte und teils wieder zerfalle Bauprojekte, wie die Therme von Potamien, die 1A ausgeschildert ist und im Internet sogar noch Öffnungszeiten besitzt. Und auch in den Ortschaften scheint das Leben teils ausgestorben. Als wir einen auf der Karte ausgemachten Campingplatz an einem Touristenstrand mit Strandbars aussuchen, um ausnahmsweise mal fürs Campen zu zahlen, finden wir dort weder einen Campingplatz, noch Touristen oder gar eine Strandbar. Einfach gar nichts.

Obwohl uns die Landschaft und vor allem die Küste in Griechenland wahnsinnig gut gefällt, hält es uns nicht mehr länger dort (so mal es auch das wohl teuerste Land ist, in dem wir bisher waren), so dass wir uns schnell auf machen über die Grenze in die Türkei.