Bella Bulgaria

KUCKUCK! KUCKUCK!

Es ist abends und wir liegen im Zelt auf einer bulgarischen Wiese. Vor wenigen Stunden waren wir noch in Serbien, und jetzt, zurück in der EU, lauschen wir den Vögeln. In den nächsten Tagen wird uns so einiges erwarten; Quentin wird stürzen, Daniel wird 19 und ich werde Italiener kennenlernen.

Als wir am nächsten Morgen gen Sofia aufbrechen, ist der Kuckuck schon wieder (oder immer noch?) am singen, und die Sonne strahlt über die spitzen Berge in das schmale Tal. Wir haben den Frühling in Serbien schon in vollen Zügen genossen, aber die sprießende Natur ist immer wieder beeindruckend, das Bergpanorama atemberaubend und der Kopf frei.

Man kann in der Netflix App Filme herunterladen, und so komme ich endlich dazu, einen Film zu sehen, den ich schon sehr lange auf meiner Liste habe: American Beauty. Das Setting könnte sich kaum mehr von dem unterscheiden, was wir täglich vom Sattel aus bestaunen, aber die grundlegende Message des Filmes lässt sich wunderbar auf meine Situation anwenden: Das Leben ist schön, wenn man es zulässt, und anstatt krampfhaft zu versuchen, die flüchtige Schönheit zu speichern, sollte man jeden kleinen Moment dieser grossen, grossen Schönheit dankbar vorbeiziehen lassen. Wie so viele ungelenk zusammengefasste große Konzepte klingt das erstmal absurd kitschig, aber es prägt mich in diesen Tagen sehr, und während die Stunden verfliegen und wir über die Berge auf Sofia zurauschen, ist mein Kopf leer und ich genieße jeden beim Anstieg abperlenden Schweißtropfen, den die Abfahrt wieder trocknet.

Bis es rummst, und Quentin plötzlich am Straßenrand der Schnellstraße liegt, vor Schmerz atemlos keuchend. Daniel ist vom Asphalt abgekommen, und Quentin trägt die Spuren: Als wir in der Mittagshitze seine Schürfwunden verarzten, erholen wir uns von dem Schock. Immerhin verlief unser erster ernster Unfall ohne schwere Verletzungen.

So schnell wie wir von 30 km/h in den Stillstand befördert wurden, so schnell holt einen das Leben aus dem Traum zurück. Sofia ist eine ungeahnt faszinierende Stadt, und über meine Verwandtschaft lernen wir dort jemanden kennen, der uns einen kulturellen Zugang zu ihr verschaffen kann: Emilia, eine ältere Dame, die uns nach unserer Ankunft zu einem wunderbaren Abendessen begrüßt (Die uns Deutschen so fremde Gastfreundschaft, immer wieder spitze!). In unserer gemütlichen Runde erfahren wir von ihrem Designstudium im damaligen Ostdeutschland und müssen zum ersten Mal nicht unsere Reisepläne erklären, unsere Route darlegen und die klassischen Fragen beantworten („Aber ist da nicht ein Meer dazwischen?“). Emilia erzählt uns stattdessen von Sofias Geschichte und lädt uns ein, ein wenig die Stadt mit ihr zu besichtigen. Wir nehmen dankend an und lassen uns von ihr die Überreste Serdicas zeigen – die römische Stadt, auf der Sofia gebaut ist. Ihre Ruinen sind in der ganzen Stadt zu finden, und auf diesen Spuren bewegen wir uns durch aktive Ubahnhöfe sowie uralte Katakomben. Zwischendurch erfrischen wir uns mitten in der Innenstadt an heißen Quellen und schlendern durch die Märkte.

Nach diesen kulturellen Highlights wird es natürlich Zeit für ein Bierchen, und da es dieses in Bulgarien praktischerweise in absurd grossen Zwei-Liter-Flaschen gibt, landen wir in einer belebten Fußgängerzone, wo ich mich mit zwei Italienern anfreunde. Über den Rest des Abends möchte ich hier das Tuch des Schweigens legen und nur noch anmerken, dass eine Zitrone und ein langer Fetzen Absperrband tragende Rollen spielten.

Als wir uns von Sofia verabschieden, erwartet uns das Rila-Gebirge, eine eindrucksvoll hohe Kette an schneebedeckten Bergen. Wir kratzen dieses Gebirge zwar nur, erklimmen aber dennoch unseren bis dato höchsten Punkt (1.300m über NN) und werden dort direkt von einem Gewitter überrascht. Todesverachtende Draufgänger wie wir es sind, schlagen wir unser Zelt natürlich nahe dem Gipfel neben einem Hochspannungsmast auf. Nicht sehr clever, allerdings überleben wir es und können Daniel am nächsten Morgen einen frohen 19. Geburtstag wünschen. Dieser klingt nach einem langen Fahrtag durch die nun noch frischer strahlenden Grüntöne mit einem Geburtstagsgrillen aus, auf einer wundervollen und nur per Bahnbrücke zu erreichenden Flussinsel.

Mir ist eine Faustregel zur Suche besonders schöner Zeltlagerorte aufgefallen: Je schwerer ein Platz zu erreichen ist, desto schöner ist es dort. Diese Regel bestätigt sich in Bulgarien wieder und wieder, angefangen mit dem mystischen Gewitterberg, über den beinahe tropischen Steinstrand an dem wir gegrillt haben, gelegen in einem dichten Dickicht und nur mit dem Risiko erreichbar, auf der schmalen Zugbrücke überfahren zu werden. Auch unsere letzte bulgarische Lagerstätte ist filmreif; Als wir an einem kleinen Bach auf einer saftigen Wiese aus unseren Zelten kraxeln, starrt uns plötzlich eine Herde Ziegen an. Wie starren zurück, die Ziegen ziehen in diesem Staring Contest der wilden Natur den Kürzeren und wir können siegreich abziehen. Auf nach Griechenland!